Heute wurde im wasistlos ein Interview mit mir veröffentlicht. Lesen kann man es aber auch hier.

Die Sehnsucht nach Ruhe

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Saxophon, Komposition, Improvisation steht auf der Visitenkarte unter seinem Namen. Werner Zangerle, in Salzburg geboren, seit Jahren in Linz zu Hause, lädt mit der CD „Nucleus“ in seine musikalische Welt ein.

Von „Diesig“ bis „Beaufort“ zieht sich durch das gesamte Album eine beschauliche, ruhige Stimmung, die nur ganz selten gebrochen wird. Ist „Nucleus“ so ein Spiegelbild deiner Seele?

Zangerle: Ich glaube, diese Ruhe ist eher etwas, das ich innerlich erreichen möchte. Bei diesem ganzen Wahnsinn, der auf der Welt passiert, sehne ich mich, und da bin ich glaube ich nicht alleine, nach Ruhe und Frieden. Insofern ist diese ruhige, beschauliche Stimmung eine Absichtserklärung und Hoffnung. Ich muss auch dazu sagen, dass die Studiosituation diese Stimmung verstärkt hat, live wird es dann schon auch wilder.

Kannst du mit dem Satz „in der Ruhe liegt die Kraft“ etwas anfangen?

Zangerle: Ja. Bedingt. Wobei ich „in sich ruhen“ wichtiger finde, als Ruhe in Bezug auf Lautstärke. Mir fallen jetzt neben „in sich ruhen“ noch „Beharrlichkeit“ und „Gelassenheit“ ein

In deiner Musik findet man das Moderne genauso wie das Traditionelle. Siehst du in der Verbindung des Gestern und des Heute in der Jazzmusik genau die musikalische Welt, die dich fasziniert?

Zangerle: Kurz gesagt: Ja! Die ganze Jazzgeschichte ist eine Reihe von wechselseitigen Beeinflussungen, oft über Generationen hinweg. Es wäre vermessen, als Jazzmusiker im Hier und Jetzt, diese Geschichte wegzuwerfen. Das möchte und kann ich auch nicht, es gibt zu viele Platten von Jazzmusikern bis zurück zu den 1930ern, die ich „gefressen“ habe. Man kann nicht aus einem Vakuum heraus Neues schaffen, das gilt sowohl für den historischen Rückblick als auch für die Existenz als Musiker im Jetzt. Da gibt es viele Musiker, die für meine Ohren unglaublich interessante Sachen machen, die man einfach nicht negieren kann, weil sie so frisch und energievoll sind.

Auf deine Kompositionen muss man sich einlassen, muss durchaus auch Zeit investieren, um im intensiven Hören die Feinheiten deiner Musik kennen zu lernen. Glaubst du, dass die Menschen in unserer heutigen, schnelllebigen, hektischen Zeit, wieder mehr die Muße haben, sich auch mit Musik zu befassen, die sie geistig fordert?

Zangerle: Da streiten sich jetzt in mir der Optimist, der ich eigentlich bin, und ein ebenfalls in mir lebender kleiner Kulturpessimist: Ich hoffe einfach, dass es so ist. Ich habe auch nicht den Anspruch, unglaublich viele Leute erreichen zu müssen, da ist mir eine kleine, feine, wirklich interessierte Hörerschaft lieber. Positiv fällt mir ein, dass die meisten, die eigentlich von Jazz keine Ahnung haben, bei Konzerten dann hellauf begeistert sind. Negativ fällt mir folgende Geschichte ein: Vor einiger Zeit hab ich mit einem Nicht-Jazzhörer darüber geredet, was Jazz eigentlich ist. Der fühlte sich im Gespräch dann schon dadurch abgestoßen, dass ich gemeint habe, dass man ganz allgemein bei Musik „wirklich zuhören“ sollte. Da fehlt einfach teilweise die Bereitschaft offen zu sein für etwas, das nicht mit einer milliardenschweren Marketingmaschinerie in die Schädel hineingedroschen wird. Das zum Schluss war übrigens der kleine Kulturpessimist.

Reinhold Gruber – wasistlos – 19.10.2007